Archive for Juli 17th, 2009
K.I.Z. – Wenn Musik anders ist
![]()
Eine etwas ältere, sehr individuelle und doch einleuchtende Definition zum Begriff Musik sagt: Musik ist das sinnvolle Aneinanderreihen von Tönen. Daneben existieren je nach betrachtetem Kulturkreis noch andere Definitionen des Musikbegriffes, die sich jedoch in einem alle einig sind: Musik hat soziale Wurzeln und erfüllt gesellschaftliche Funktionen. Soweit zur Theorie. In der Praxis stellt sich Musik hingegen als etwas dar, was diesem Anspruch nicht immer gerecht werden kann und besonders in der Verknüpfung mit Sprache oftmals unglaubliche Abgründe menschlicher Denk- und Ausdruckweise offenbart. Aktuelles Beispiel für die Entsinnlichung und Verrohung von Musik und Sprache ist die Hip-Hop Formation K.I.Z.
Musik als Ausdruck von Gefühlen
Der Ursprung der Musik, der auf den einfachen Gesang zurückzuführen ist, war geprägt von der lautlichen Verarbeitung und Weitergabe von Gefühlen. Mit der Entwicklung von Instrumenten wurde diese einfache melodische Ausdrucksform vielseitiger und ausdrucksstärker. Die Hochzeiten der Entwicklung instrumentenbasierter Musik finden wir im Barock, im Klassizismus und in der Renaissance. Hier sind Musiker angesiedelt wie Mozart, Bach, Beethoven. Jedoch gibt es seit der Jahrtausendwende zunehmend absurde Erscheinungen, wie sie auch von K.I.Z. gelebt werden. Schwachstrukturierte elektronische Beats gepaart mit einfallsloser brutaler Sprache kennzeichnen deren Musikkonzept.
Die Musik der Moderne
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde die Unterhaltungsmusik immer populärer. Insbesondere technische Errungenschaften wie das Radio, bessere Aufzeichnungsmöglichkeiten und das Fernsehen sind die Kanäle, mit denen Musik in dieser Zeit hauptsächlich verbreitet wurde. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Stilrichtung der Popmusik. Zunehmend mehr elektrische und elektronische Instrumente waren und sind bis heute tragende Elemente dieses Genres. Eingehende, meist recht einfache und oftmals schmucklose Melodien bestimmten die Machart der Musik, die Texte befassen sich überwiegend mit lapidaren Liebeserklärungen, manchmal Geschichten aus dem Alltag, gelegentlich auch mit der Kritik an bestehenden Systemen. Mit der Jahrtausendwende machte sich vor allem in den Industrieländern eine völlig neue Stilart breit. Angelehnt an die amerikanische Rapperszene, die ihre Wurzeln jedoch schon weit in die Gründerzeiten Amerikas legt, wurde auch in Europa der Sprechgesang mit oftmals sparsamer Instrumentalisierung und beatbetonter Melodieführung übernommen.
K.I.Z. – Gangstersprache als Zielgruppenmagnet
So berief man sich recht schnell auf meist individuelle Erlebnisse, die genau betrachtet und psychologisch beleuchtet oftmals Störungscharakter tragen. Frauenarzt, Sido, Bushido und auch K.I.Z. prägen in ihrer Musik ein Vokabular, wie es menschenverachtender und oftmals frauenfeindlicher kaum sein kann. Die Texte reden eine Sprache, die von herabwürdigend obszön bis zu gewaltverherrlichend und sexistisch reicht. Vorrangige Zielgruppe dieser melodisch sehr einfachen bis unstrukturierten Musik sind vor allem Heranwachsende und Jugendliche. Kaum sind es Menschen über 25 Jahren, die diese Musik weiterhin bevorzugt konsumieren.
K.I.Z. – Kannibalen in Zivil
Ob das die passende Übersetzung für den Bandnamen ist muss offen bleiben. K.I.Z. selbst benennen sich als Künstler in Zwangsjacken. Dass beides zu einem Stück richtig ist, zeigen die Texte der Gruppierung. Besonders Kannibalismus an Frauen wird immer wieder besungen, die Brutalität der Sprache wird als sarkastisch oder ironisch deklariert. Man müsse zwischen den Zeilen lesen und oft würde man erst beim Refrain die Aussage der Texte verstehen, dies ändert und vor allem intressiert allerdings wenig. Das mit diesen Begriffen auch Brutalität und Menschenverachtung abgedeckt werden bleibt den meist jungen Konsumenten natürlich verborgen. Die kommerziellen Interessen dieser Art von Musik überdecken meist den Anspruch auf Sinn und Wahrhaftigkeit. Ebenso wie Sido und Bushido haben die scheinbar selbst erlebten Textpassagen oftmals gar nichts mit der erlebten Realität der K.I.Z. Mitglieder zu tun. Glücklicherweise dürfen wir hoffen oder eigentlich schon davon ausgehen, dass sich auch K.I.Z. als Erscheinung eines Zeitgeistes austoben werden sobald sie selbst Väter und Ehemänner geworden sind.
Gesellschaftliche Leerräume werden mit Absurdität gefüllt
Besonderen Anklang findet K.I.Z. Musik dort, wo andere gesellschaftliche Räume nicht gefüllt sind. Die Langeweile Jugendlicher, die kindliche Naivität und die oftmals ergebnislose Suche nach Perspektiven werden mit absurder Gedanken- und Sprachwelt gefüllt. So wird die eigene Mutter ebenso beschimpft wie die Freundin und Frauen überhaupt. Sexualität wird brutalisiert, Straftaten und Verbrechen als ein möglicher Weg durch eine finster gezeichnete Gesellschaft dargestellt. Auch wenn sich einige der oben genannten Vertreter dieses Genres von ihren alten Texten mittlerweile distanzieren und oftmals etwas ganz anderes leben als sie musikalisch darstellen, haben solche Kraftausbrüche in der jugendlichen Szene große Resonanz. So entkommt man zumindest zeitweise und scheinbar der realen Welt. Schockierend das K.I.Z. fasst monatlich in der BRAVO Hip Hop Special zu finden ist und somit schon die ganz Jungen diese Texte und Musik kennenlernen.
Prägende Einflüsse verrohter Musik
Gerade für Kinder und junge Heranwachsende scheint die rohe Art von Musik, die oftmals von fordernden, harten Beats und groben Texten begleitet wird zu gefallen. Dieser Anschein jedoch trügt. Ausschnitte aus dem eigenen Familienleben und der individuellen Realität werden unkritisch mit der Sprache der Gangster-Musik abgeglichen. Zufällige Übereinstimmungen (die oftmals gezielt provoziert werden) machen dann das Gehörte zur absoluten Wahrheit und somit durchaus auch nachahmenswert. Kinder produzieren sich optisch und sprachlich wie ihre großen musikalischen Vorbilder und versuchen oft so, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. In der Folge verroht die Sprache, die gesamte Artikulation wird vereinfacht, Sprachmelodie und Sinnhaftigkeit gehen verloren.
Letzte Kommentare