Archive for November 20th, 2008
Lonsdale ist für Nazis?
Immer wieder tauchen in den Medien Berichte über einen wiedererstarkten Rechtsradikalismus in Deutschland, vor allem aber in Ostdeutschland auf. Im Zuge jener durchaus sensationsgierigen Bericht-Erstattung wird auch zunehmend oft die Marke Lonsdale erwähnt, welche angeblich sich gänzlich auf das Vermarkten von rechts-radikalen Kleidungsstücken und Utensilien konzentriert haben soll. Nebst Pitbull und anderen eher auf Militaria ausgerichteten Labeln wird Lonsdale angelastet, mit Nazi-Verbänden und allgemein patriotitistisch bzw. rassistisch orientierten Organisationen zu kooperieren. Was ist an diesen Gerüchten dran und wird hier Rufmord begangen oder muss man Lonsdale tatsächlich eine brutale Abkehr von firmeneigenen Wurzeln attestieren? Herrscht hier lediglich medialer Populismus oder doch Erörterung erschreckender Tatsachen? Dies gilt es jetzt einmal kritisch zu untersuchen und auch allgemein die Stellung der Medien beim Berichten über Szene und Subkultur zu hinterfragen.
Doch zuerst einige Worte zur Geschichte des britischen Herstellers Lonsdale: Der Name geht auf einen britischen Boxer des 19. Jahrhunderts zurück, welche damals zur Legalisation und Verbreitung des damals noch recht unbekannten Boxsportes entscheidend beitrug. Diesen Namen zu verwenden, wurde schließlich vom Gründer des ersten Lonsdale-Geschäftes im Jahr 1960 entschlossen. Das damalige Underground-Label entwickelte sich im Laufe der nächsten Jahre schnell zu einem absoluten Szene-Primus und vermarket inzwischen sämtliche Produkte weltweit. In Deutschland geschieht dies über die Firma “Punch”. Wichtige Faktoren für den Erfolg waren übrigens manch berühmte Boxer wie Muhammed Ali oder Lennox Lewis, welche durch ihren enormen Bekanntheitsgrad zum weltweiten Erfolg des ehemaligen Untergrund-Herstellers beitrugen.

Gleichwichtig ist sicherlich auch die Beliebtheit in der seinerzeit gänzlich unpolitischen Skinhead-Szene Englands zu betrachten. Denn diese trugen insbesondere in Skin-Kreisen zur Verbreitung der Marke bei. Allerdings waren es auch jene Skinheads, die partiell zum Rechtsradikalismus wechselten und somit den meisten populistisch organisierten Medien gefundenes Fressen gaben, um die Skinhead-Szene mitsamt ihrer Lieblingsmarken wie Lonsdale oder Pitbull in die Reihe der Neonazis abzuschieben. Dass dabei nur ein verschwindend geringer Teil der Liebhaber der Marke Lonsdale wirklich auf den Spuren des Rechtsradikalismus wandelt, dies entgeht den meisten nur oberflächlich an der Materie rührenden Journalisten. Man muss nicht hinterfragen, um Auflage wie Quote abzusichern. Sensationen genügen, um Leser wie Zuschauer blendend zu unterhalten, zu schockieren und ohne jede Kritik zu einem Dogma namens Skindhead-Lonsdale gleich Nazi zu verleiten.
Nun stellt sich freilich die Frage, woher letztlich dieses Image des Rechtsradikalismus eines jeden Lonsdale-Trägers kommt und inwieweit soetwas überhaupt plausibel sein könnte. Wie bereits erwähnt wurde, zählt insbesondere die englische und deutsche Skinhead-Szene zum nennenswerten Kundenkreis der Marke Lonsdale. Während diese ursprünglich gänzlich unpolitisch daherkam, entwickelte sich im Zuge des sogenannten “Reggae-Krieges” eine zunehmende Spaltung der Szene.
Weil die damals friedlich, teils pazifistisch organisierten Skins sich einem wachsenden Konflikt zwischen den eher Reggaemusik liebenden schwarzen Skins und tradionalistisch organisierten weißen Skins gegenüber sahen, kam es schließlich zur Spaltung. Diese weiße Gruppe der Skinhead-Szene zerbrach wenige Jahre später unter enormer Politisierung der Szenenkultur in Links- und Rechtsradikalismus, ebenso Neonazismus und tradionellem Skinhead-Kulturismus. Am meisten trat hierbei die rechsextreme Splittergruppe der Skins ans Tageslicht, zumindest an das Tageslicht der Boulevard-Medien, welche sich sogleich auf diese neue, überaus offensichtlich rechtsradikal erscheinende Subkultur stürzten. Im Zuge dieser Bericht-Erstattung tauchte schließlich parallel zu jeder medialen Verfolgung der Skin- und seit neuerer Zeit auch Gabber- wie Hardcore-Techno-Szene auch der Name Lonsdale auf. Lonsdale scheint für die Leser des Boulevard und auch für manch antifaschistischen Zeitgenossen klar auf die rechte Szene spezialisiert, geradewegs einen Pakt mit den Rechten eingegangen zu sein.
Tatsächlich scheint soetwas leicht herzuleiten, wenn man die Massen von rechts gesinnten Menschen sieht, welche sich solcher Marken wie Lonsdale, Pitbull oder Alpha Industries bedienen. Bei fast jedem NPD-Aufmarsch, bei jedem größeren Skintreffen und bei jeder nennenswerten Gabber-Veranstaltung glauben allzu kluge Journalisten inzwischen einen Bezug zum Rechtsradikalismus zu sehen. Während bei ersteren dies durchaus zustimmen mag, so unterscheiden viele Menschen nicht mehr zwischen Neonazi, Skin und Technohead.

Erstere sind eindeutig rechtsradikal, ausländerfeindlich, usw und tragen zudem Lonsdale. Doch die Anhänger der Skinhead-Szene tragen lediglich in Ausnahmen Lonsdale auf der Haut und gleichermaßen rechtes Gedankengut mit sich. Dies entgeht jedoch zahlreichen Journalisten, welche ein Image voller Schatten und Halbdunkel auf jede Marke innerhalb der Skinhead-Subkultur geworfen hat und selbst Skins untereinander daran zweifeln lässt, ob Lonsdale wirklich einen unpolitisch, weltoffenen und demokratischen Charakter hat.
Nun muss freilich gefragt werden, ob Lonsdale und Co. tatsächlich im Dienste der Neonazis stehen, ob die Skinhead-Szene nicht nur Träger von Lonsdale, sondern auch von absolut demokratiefeindlichem Denken ist.
Gewiss ist, dass an dieser unglücklichen Image-Entwicklung nicht nur Medien und Menschenmassen schuld sind. Denn immer sind es zwei Parteien, die solch eine sensationslüsterne Berichterstattung provozieren. Dass Skins nicht zwangsläufig linksradikal bzw. unpolitisch eingestellt sind, sondern durchaus zum Rechtsradikalismus neigen können, wird bedauerlicherweise durch Statistiken, Umfragen und Meinungsbilder bewiesen. Gleiches gilt auch für Lonsdale. Ein Label hat stehts die Möglichkeit, so werfen zahlreiche Kritiker ein, die Kundschaft nach gewissen Vorstellungen zu frequentieren und Verträge mit gewissen Händlern zu kündigen. Dass soetwas jedoch gänzlich unprofitabel, mithin unprofessionell ist, das kümmert allerdings wenige Journalisten. Und dennoch lässt sich vieles zur Verteidigung der Skinhead-Szene, aber vor allem zur Verteidigung der Marke Lonsdale sagen. “Die Ausnahme bestätigt die Regel” greift nämlich als Wahlspruch auch im Bezug auf die Skinhead-Szene. Es gibt rechte Skins, es gibt rechte Gabber und genauso sind einige Lonsdale-Träger voll mit rechten Gedankengut. Allerdings ist eine enorme Mehrzahl an Leuten nicht mit solchem Nazitum bestückt, zuweilen ganz im Gegenteil.
Selbst antifaschistische Organisationen decken sich zunehmend mit Lonsdale ein. Klänge soetwas nicht nach empfindlichem Widerspruch, wenn man wüsste, dass Lonsdale-Träger aus allen politischen und soziokulturellen Spektren stammen und gleichzeitig behauptete, Lonsdale provoziere den westeuropäischen Rechtsradikalismus? Eindeutig! Denn jedem kritisch wie dialektisch denkenden Menschen wird bei seiner Recherche einleuchten, dass Lonsdale niemals absichtlich zu einem Träger der rechtsradikalen Subkultur werden wollte und seine Käuferschaft nicht zwangsläufig aussuchen konnte. Gleiches gilt hier auch für die Skinhead-Szene, welche im Laufe der Jahre kaum mehr die Ideale der Anfangszeit zur Gegenwart übertragen konnte. Die Entwicklungen der Gothic- oder Punk-Szene zeigen dies exemplarisch: Kapitalismus-Kritik, Individualismus, Freiheit, Verehrung von dunkler Ästhetik wurden z.b. bei den Grufties zunehmend durch Extravaganz, Egoismus und Wettbewerbs-Denken der sog. Cybergoth-Kultur ersetzt. Punks rebellierten vor 40 Jahren gegen die patriarchalisch organisierte Weltordnung und bestehen heutzutage selten aus wirklich politischen Gemütern.
Doch zurück zu Lonsdale: Dass das genannte Label nicht aus freiem Willen zum Nazi-Markenprodukt geworden ist, wurde inzwischen dargelegt. Doch woran lässt sich selbst dem kritischsten Geist beweisen, dass Lonsdale auf keiner Seinsebene mit Nazis korreliert?

Lediglich die vier Buchstaben “NSDA” im Label-Namen sind laut Studien dafür verantwortlich, dass überhaupt der Kontakt zu rechtsextremen Kreisen über Unterhändler entstehen konnte. Dass der Gründer der Firma Lonsdale auf solch anagrammatische Details kaum geachtet haben dürfte, leuchtet sicher ein. Doch darüber hinaus hat Lonsdale längst die Initiative ergriffen und mit einigen klaren Werbebotschaften dafür gesorgt, dass das Labelimage endgültig vom Neonazismus abkehren könne. Allerdings trugen Slogans wie “Lonsdale loves all colors” auch dazu bei, dass enorme Umsatz-Einbrüche z.b. in Sachsen zu verzeichnen waren. Gefoppt und genarrt wandten sich viele Neonazis ab, boykottierten die Firma und machten den mutigen Schritt Lonsdales und deren deutschen Unterhändlers Punch zumindest wirtschaftlich wenig sinnvoll. Moralisch jedoch kann man nunmehr Lonsdale nichts mehr vorwerfen. Denn mit Sponsorings z.b. beim CSD in Köln und weiteren Schritten an die bislang ignorante Öffentlichkeit ist Lonsdale gelungen, keine wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen, sondern firmeninterne Ideale deutlich darzustellen und Mut zur Wahrheit zu beweisen.
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